Dörr, Nora

Dörr, Nora

Lektorat und Online-Redaktion

Begeistert „als Ingenieur und Mensch“

Er gilt als Pionier der All Electric Society. Inwiefern er den Weg dorthin vor allem als Chance begreift – und warum langwierige Diskussionen um die Umsetzung ihn mitunter ungeduldig machen, erklärt Roland Bent, langjähriger Technik-Vorstand bei Phoenix Contact und ehemaliger Vorsitzender der DKE, im Interview.
Dies ist ein Interview mit Roland Bent.  Das Interview wurde durchgeführt von Manuel Heckel. Er beschäftigt sich als freier Wirtschaftsjournalist in Köln auch mit der Auswirkung von Transformationsprozessen auf die Gesellschaft.
 
Wenn auch Sie Interesse haben, hier ein Interview oder einen Gastbeitrag zu veröffentlichen, dann schauen Sie sich unsere Seite „Wie werde ich Autor auf dem VDE Blog?“ an.

VDE dialog: Die Vision der All Electric Society klingt vielversprechend, aber nach viel Arbeit. Warum setzen Sie sich so intensiv dafür ein?

Roland Bent: Energie ist seit der Erfindung des Feuers der Treiber jeglicher menschlichen Entwicklung und des menschlichen Wohlergehens. Leider ist ihre Nutzung auch der wesentliche Treiber vieler negativer Folgen, bis hin zum Klimawandel. Im Zielbild der All Electric Society ist Elektrizität kein begrenzender und mit negativen Folgen einhergehender Faktor mehr, weil sie auf erneuerbarer Elektrizität, die CO2-neutral und zu Grenzkosten von nahezu null erzeugt werden kann, basiert. Das Faszinierende ist, dass heute schon vieles durch die Technologie möglich ist. Die Umstellung auf klimaneutrale Energie muss also nicht auf Verzicht beruhen – man kann die Idee nutzen, um nach vorne zu schauen. Das begeistert mich als Ingenieur und Mensch, der sich sein ganzes Leben mit Technik beschäftigt.

Ob Unternehmen oder Politik: Das Thema wird intensiver diskutiert. Warum gerade jetzt?

Die aktuelle geopolitische Situation zeigt uns mit aller Klarheit, wie stark abhängig wir von autokratischen Regimen sind, wenn wir an fossilen Energieträgern festhalten. Regenerative Energie kann nahezu überall entstehen und erzeugt werden. Daher gibt es keine Alternativen zu einer umfassenden Energiewende. Auf der einen Seite ist die Zeit reif – auf der anderen Seite läuft uns die Zeit davon. Das merken wir, wenn wir über die Auswirkungen des Klimawandels diskutieren. Es ist mittlerweile für jeden spürbar, welche katastrophalen Folgen entstehen. Wir müssen handeln.

Ist die Botschaft überall angekommen?

Wir verschwenden immer noch viel Zeit damit, über die Zielsetzungen zu sprechen statt über die Umsetzungen. Das macht einen schon ungeduldig. Alles, was wir heute in ein zukünftiges Energiesystem investieren, vermeidet mindestens genauso viele Kosten in der Zukunft. Der Zeitpunkt ist also gekommen. Aber wir müssen noch deutlicher machen, dass jetzt etwas passieren muss.

Woher kommt diese Zurückhaltung?

Hochentwickelte Industrienationen wie Deutschland müssen vorangehen und die technische und wirtschaftliche Machbarkeit der Energiewende aufzeigen. Es ist sicher auch ein Problem der Kommunikation. Die Energiewende ist immer wieder verbunden mit Verzichtängsten oder appelliert ausschließlich an das schlechte Gewissen der Menschen.

Lässt sich das ändern?

Wenn ich hingegen über die All Electric Society rede, dann kann ich über die Potenziale reden, die in dieser nachhaltigen Energiewende und in  der unbegrenzten Verfügbarkeit von Energie liegen. Wenn ich darauf schaue, was in der Wärmebranche, der Solarbranche oder im Bereich der Ladeinfrastruktur passiert, sind das gute Anzeichen. Der Weg zur All Electric Society bietet enorme Chancen für Innovationen und Investitionen – vielleicht ist es sogar das größte wirtschaftliche Wachstumsprogramm, das wir jemals hatten.

Was ist nötig, um die vielen Puzzlestücke der All Electric Society zusammenzubringen?

Wie brauchen eine umfassende Sektorenkopplung. Alles, was man sinnvoll elektrifizieren kann, sollte man auch elektrifizieren. Zudem sollte man alle energieerzeugenden, -verbrauchenden und -speichernden Bereiche miteinander verbinden und steuern. Dafür benötigen wir die Möglichkeiten der Digitalisierung und Informationstechnik, um über die Vernetzung und die Intelligenz zu verfügen, alles aufeinander abzustimmen. Die ganze Idee ist wie ein riesiges Gebäude: Es wird zur gleichen Zeit von verschiedenen Gewerken an verschiedenen Stellen daran gearbeitet. Das kann nur gelingen, wenn man einen guten architekturellen Rahmen hat. Den kann eigentlich nur die Normung setzen.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Die DKE hat sich in ihrem Commitment 2030 genau dazu verpflichtet! Wir benötigen weiter und noch viel stärker die Mitwirkung der Expertinnen und Experten aus den Unternehmen in der Normung. Da kommt es darauf an, das große Ganze nicht aus dem Auge zu verlieren. Heute ist die Normung noch sehr stark vertikal und an einzelnen Produkten orientiert.

Was müssen, was können Unternehmen heute tun, um auf diesen Pfad zu gelangen?

Salopp gesagt, sind die Möglichkeiten für Unternehmen so vielfältig wie die gesamte Idee der All Electric Society. Natürlich können die Firmen Produkte und Lösungen anbieten, die diese Transformation unterstützen – das tun ja viele bereits. Zunehmend sollten Unternehmen aber auch darüber nachdenken, wie sich ihre Teile in ein Gesamtsystem integrieren.

Wie gelingt das trotz knapper Ressourcen, gerade auch bei Fachkräften?

Wir leiden heute unter einem enormen Fachkräftemangel. Und gleichzeitig machen sich viele junge Menschen große Sorgen um die Zukunft. Mit der All Electric Society können wir zeigen, dass Technologie der Schlüssel ist, um etwas zu verändern und viele Probleme zu lösen. Es besteht viel Potenzial, junge Menschen zu gewinnen, wenn wir diese sinnstiftenden Motive nutzen.

Was haben Unternehmen davon?

Unternehmen, die diesen Weg gehen, werden erfolgreicher sein. So wie Volkswirtschaften, die sich früh auf die All Electric Society einstellen, erfolgreicher sein werden. Das sollte doch ein motivierendes Element sein, zu den Vorreitern für diese Idee zu gehören.

Zur Person

Roland Bent, langjähriger Technik-Vorstand bei Phoenix Contact und Vorsitzender der DKE 2015 bis 2022
Phoenix Contact GmbH & Co. KG

Roland Bent ist Chief Representative International Standardization beim Elektronikspezialisten Phoenix Contact. Davor war er dort viele Jahre als Technik-Vorstand tätig.

2015 bis 2022 war er Vorsitzender der DKE (Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE).

Schon lange setzt er sich für eine nachhaltige Energieversorgung, intelligente Netze und eine zuverlässige Versorgung ein: für die Vision der All Electric Society.

[polylang lang="en"]15 persons applauded[/polylang][polylang lang="de"]15 Personen haben Beifall gegeben[/polylang]

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