Ein Überblick über Normungsroadmaps

Das Konzept der Normungsroadmap integriert alle Akteure und beschleunigt Innovationen

Der technische Fortschritt ist unaufhaltsam: 2022 gingen beim Europäischen Patentamt (EPA) 193.460 Anmeldungen ein. Beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) wurden 57.214 Patente vorgemerkt. Doch wer sorgt für die technische Sicherheit dieser Innovationen bei ihrer Vermarktung? Es sind die nationalen und internationalen Normungsorganisationen ISO, IEC, DIN, VDI, VDE und nicht zuletzt die DKE.

Für die Entwicklung von Normen und Standards organisieren sie mit allen interessierten Kreisen aus Unternehmen, Forschung sowie Politik und Zivilgesellschaft einen bisweilen langwierigen Aushandlungsprozess. Seit 2009 entstand das neue Format der Normungsroadmap, das die Normsetzung effektiver gestalten und beschleunigen sollte.

Normen bilden eine Basis für die Entwicklung von Innovationen und deren Vermarktung. Sie tragen dazu bei, Produkte und Dienstleistungen zu verbessern sowie die Sicherheit und Qualität zu gewährleisten. Normen und Standards, wie die von ISO, IEC, CEN, CENELEC, DIN, VDE und DKE, spielen daher auch eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Nutzung von Patenten.

Normen sorgen für Interoperabilität, Sicherheit und Klarheit in neuen Technologiebereichen und fördern deren Verbreitung. In vielen Fällen enthalten Normen patentierte Technologien, was zu Wechselwirkungen zwischen Patent- und Normungssystemen führt. Ein entscheidender Beitrag zur Gewährleistung der Kompatibilität zwischen Patent- und Normungssystemen ist die Bereitschaft aller Akteure, an der Normenentwicklung aus eigenem Interesse mitzuwirken. Dafür müssen die Patenteigner über ihre Innovationen informieren, die für die Entwicklung von Normen relevant sein könnten. So können patentierte Technologien in Normen integriert werden. Normen und Patente sind dabei weder bessere oder schlechtere Alternativen zum Schutz des geistigen Eigentums, sondern interagieren im Idealfall als komplementäre Konzepte miteinander.

Wenn Innovationsentwicklung, Patentvorbereitung, Regulatorik und Normsetzung parallel zusammenarbeiten, beschleunigen sie gemeinsam die Entwicklung neuer Produkte, Verfahren und Dienstleistungen.

Normungsprozess organisiert und strukturiert die Kollaboration

Normen und Standards spielen also eine entscheidende Rolle bei der wirtschaftlichen Nutzung von Innovationen. Sie können als Katalysator dienen, um Innovationen schneller und breiter am Markt zu etablieren. Eine technische Innovation kann aber nur dann in eine Norm einfließen, wenn alle Teilnehmer am Normungsverfahren ihre normrelevanten Patente (und Patentanmeldungen) frühzeitig bekanntgeben. Zudem müssen sie bereit sein, allen Nutzern der Norm Lizenzen „zu fairen, angemessenen und nichtdiskriminierenden Bedingungen“ zu gewähren.

Eine eigene, patentgeschützte Technologie in eine Norm einzubringen, gelingt am ehesten, wenn sich in den Normungsverhandlungen alle relevanten Akteure aus Unternehmen und Patenteignern, Wissenschaft, Politik sowie Patentnutzern gegenübersitzen. Die aktive Teilnahme und Kollaboration bei der Gestaltung von Normungs- und Standardisierungsprozessen ist daher ein wichtiges strategisches Mittel für Unternehmen. Sie ermöglicht es ihnen, ihre Interessen einzubringen und die Entwicklung von Normen und Standards mitzugestalten.

Allerdings waren diese Prozesse zur Normsetzung in der Vergangenheit oft sehr langwierig. Bisweilen gab es auch Kritik, dass die Normung der beschleunigten technischen Entwicklung zu langsam folgen würde. Hinzu kam, dass in Forschung- und Entwicklung immer häufiger interdisziplinär gearbeitet wurde. Vor allem durch die Digitalisierung, eine sektorübergreifende Kollaboration von Wissenschaft und Unternehmen sowie interdisziplinäre Forschungsprojekte beschleunigten sich die Innovationszyklen.

Normungsroadmap beschleunigt seit 2009 die Kollaboration

Normungsgremien aber arbeiteten bis ins Digitalzeitalter hinein in ihren jeweiligen Normkreisen – häufig auch noch in ihren eigenen fachlichen Silos. In der heutigen globalen, digitalisierten und extrem arbeitsteiligen Wirtschaft mit zahlreichen grenzüberschreitenden Geschäftsmodellen muss sich auch die Normung beschleunigen.

In den Nullerjahren entstand deshalb der fast schon revolutionäre Ansatz, die Normungsprozesse effektiver, interdisziplinärer und dynamischer zu gestalten. Die Idee der Normungsroadmap (NRM) nahm seit 2009 Gestalt an. Eine Normungsroadmap ist ein Strategiekonzept, das die Entwicklung von Normen und Standards in neuen Technologiefeldern vorsortiert. Sie basiert auf einer detaillierten Analyse des aktuellen Status vorhandener Normen und identifiziert den künftigen Bedarf an Normen und Spezifikationen für neue Schlüsseltechnologien.

Die Erstellung einer NRM erfolgt bereits in kollaborativen Prozessen mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Die NRM identifiziert Chancen und Risiken, Hemmnisse und Herausforderungen für die Transformation aus der Normungsperspektive. Sie reflektiert dabei bereits die Normungsbedarfe für die verschiedenen Sektoren der Volkswirtschaft. Zudem definiert sie Schnittstellen und organisiert eine klare Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren und Sektoren. Dabei berücksichtigt eine NRM nicht nur die technischen, sondern auch ethischen und gesellschaftlichen Aspekte von Normen in einem interdisziplinären Ansatz.

Die Umsetzung der Ergebnisse und aktive Begleitung der anschließenden Normungsarbeiten erfolgt durch die beteiligten Organisationen und Experten in den jeweiligen Gremien der Normungsorganisationen. Dabei arbeiten die nationalen und internationalen Gremien bereits intensiv zusammen, in dem sie sogenannte Spiegelgremien bilden, die in ständigem Austausch miteinander ihre Arbeit koordinieren.

Normungsroadmap Smart Grid setzt neue Maßstäbe

Die erste Normungsroadmap veröffentlichten DIN, VDE und DKE im Frühjahr 2010 zum Thema Smart Grid. Maßgeblich vorbereitet wurde die NRM vom DKE Kompetenzzentrum „Normung E-Energy/Smart Grid“. Es nahm im Jahr 2009 seine Arbeit auf und analysierte zunächst die Veränderungen und vielfältigen Entwicklungen im komplexen System der Energiewirtschaft. Sie definierten Smart Grids als die zentrale Schnittstelle für eine Verbindung von Energietechnik mit Informations- und Kommunikationstechnologien.

Diese NRM erarbeitete Lösungsansätze für die Energiewende und definierte Anforderungen für die Automatisierung der Verteilungsnetze zur intelligenten Synchronisierung von Stromerzeugung und -verbrauch sowie den Ausbau des Stromnetzes. Nach der Veröffentlichung der Normungsroadmap Smart Grid begann die Arbeit aller Akteure. Schon bald ergab sich die Notwendigkeit zur Überarbeitung der NRM. So erschien am 1. März 2013 das Update, die „E-Energy/Smart Grids 2.0″.

Die Bundesregierung setzte mit mehreren regulatorischen Maßnahmen einen Rahmen, um die Implementierung von Smart Grids zu ermöglichen. Ein zentrales Gesetz ist das „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ (GDEW), das im August 2016 verabschiedet wurde. Dieses Gesetz legte den rechtlichen Rahmen für den Einsatz intelligenter Messsysteme, auch bekannt als „Smart Meter“, im Kontext der Energiewende fest. Es beinhaltet auch das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), das den Betrieb und die Datenkommunikation in intelligenten Energienetzen regelt. Das GDEW definierte zudem das Konzept des „Smart Metering“ neu und setzte damit zentrale Impulse für die Entwicklung eines zukunftsfähigen Smart Grids.

NRM Smart Grid stößt Forschungs- und Normungsprojekte an

Parallel zur Regulatorik nahmen verschiedene Forschungseinrichtungen ihre Arbeit auf. Die Smart Grids Forschungsgruppe (SGFG) am Institut für Energietechnik und Energiewirtschaft (IEE) an der Technischen Hochschule Ulm richtete ein Smart Grid Labor ein, in dem das Team technisch-ökonomische Konzepte entwickelte, modellierte, simulierte und erprobte. Ein weiteres Projekt ist das „Smart Grid Solar“, das die Europäische Union zusammen mit Bayern finanziert. Es dient der Entwicklung und Erprobung von Technologien für intelligente Stromnetze. Das Smart Grid LAB Hessen ist ein weiteres Forschungsprojekt, das sich mit der Prüfung von Verfahren für das intelligente Stromnetz unter Praxisbedingungen befasst. Ihre Ergebnisse speisten die Forschungsgruppen wiederum die Weiterentwicklung von Normen ein.

IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers) hat mittlerweile mehr als 100 Standards und Normen in Entwicklung, die für Smart Grids relevant sind. Dazu gehören über 20 IEEE-Standards, die im NIST-Framework (National Institute of Standards and Technology) Smart Grid Interoperability Standards benannt sind. Der NIST-Bericht beschreibt ein hochrangiges Referenzmodell für das Smart Grid und identifiziert fast 80 bestehende Standards, die jetzt zur Unterstützung der Smart Grid-Entwicklung verwendet werden können.

ETSI (European Telecommunications Standards Institute) hat ebenfalls Empfehlungen für die Standardisierung von Smart Grids in Europa veröffentlicht. In allen diesen Gremien arbeiten VDE und DKE Experten mit, die ihre Expertise aus der NRM einfließen lassen und sich in ihren Spiegelgremien austauschen.

Kritik an der NRM: Zu hoher Aufwand und zu langsam

Im Rückblick hat die erste Normungsroadmap die damaligen Erwartungen einer beschleunigten Normgebung (fast) erfüllt. Die parallele Arbeit von Gesetzgeber, Forschung, Unternehmen und Normungsorganisationen sowie die ständige Rückkopplung aller Akteure leistete wichtige Beiträge für die Gestaltung von Normen. Großer Vorteil einer NRM ist, dass auch bei wechselnden Akteuren die bisherigen Diskussions- und Entscheidungsprozesse dokumentiert sind und neue Gremienmitglieder sich schnell einarbeiten können.

Allerdings gab und gibt es Kritik an diesem Verfahren. Es sei in der heutigen Zeit nicht agil genug. Der Aufwand und die Investitionen seien zu hoch. An einer NRM arbeiten teilweise über 500 Akteure mit, was zu sehr zeitaufwendigen Abstimmungsprozessen führt. Nicht alle Empfehlungen der Experten können auch aufgegriffen werden. Das Konsensprinzip führt bisweilen zu Frustration bei Akteuren, die ihre Positionen nicht durchsetzen konnten. Die Kritik bezieht sich auch auf die Form. Wer liest schon gerne 250 engbeschriebene Seiten? Und wie häufig müssten angesichts der schnellen technischen Entwicklung solche Texte überarbeitet werden?

Gerade im Bereich der Energietechnik steigen die Zahlen für Patentanmeldung: „Bei grünen Innovationen stellen wir ein solides, anhaltendes Wachstum der Patentanmeldungen fest, ebenso bei sauberen Energietechnologien und anderen Verfahren der Erzeugung von Strom, dessen Verteilung beziehungsweise der Speicherung von Elektrizität,” sagte EPA-Präsident António Campinos am 28. März 2023 bei der Vorstellung der Jahresstatistik des EPA. Der schnelle Anstieg bei Patentanmeldung zumindest scheint ein Indikator zu sein, dass Normungsprozesse noch effektiver gestaltet werden sollten.

Zwischenfazit: Normung agiler und digitaler auf Plattform organisieren

Die Kritik an Format, Methodik und Interaktion der Akteure für die Erstellung einer Normungsroadmap wird von den deutschen Normungsorganisationen seit 202X intensiv diskutiert. Die DKE hat 2023 deshalb ein neues Format für die Arbeit an einer Normungsroadmap entwickelt. Es heißt Standardization Community Map oder kurz SCM.

Damit greift sie die Überlegungen des DKE Commitments 2030 auf, in dem angeregt wurde, Normung künftig auf einer Kommunikations-, Wissens- und Dialogplattform digital zu organisieren. Genau das bereiten die Normungsgremien von VDE und DKE gerade für zwei Normungsroadmaps vor. Anfang 2024 werden die SCM „All Electric Society“ sowie „Future Energy Ecosystems“ ihre Arbeit aufnehmen.

[polylang lang="en"]15 persons applauded[/polylang][polylang lang="de"]15 Personen haben Beifall gegeben[/polylang]

[polylang lang="en"]applaud[/polylang][polylang lang="de"]Applaudieren[/polylang]

Eine Antwort

Schreiben Sie einen Kommentar